Zwei Welten unter einem Hut
Als meine Organisation während des Passahfests Übersetzungsberater aus aller Welt nach Israel schickte, um an einem Workshop teilzunehmen, prallten zwei Welten aufeinander: Alle anderen Azubis hatten eine Woche frei und gingen zelten, derweil saß ich im Workshop fest. Aber zumindest wollten wir gemeinsam feiern.
Am Abend erklang die Sirene, die den Anfang des Passahfests einläutete, und die Stadt wurde still. Jetzt war jeder bei seiner Familie – wie bei uns an Heiligabend. Dann kam die Ansage an uns Teilnehmer: „Wir verschieben die Feier.“ Ich war enttäuscht, aber versuchte, mich damit
zu arrangieren.
Spontane Feier mit Einheimischen
Plötzlich rief mich eine Freundin an. „Ich habe gerade gehört, dass ihr nicht feiert. Du musst zu uns kommen!“ Irgendwie waren die jüdischen Feiertage zum Teil meines Lebens hier geworden. Würde ich es nicht bereuen, nicht mit Einheimischen zu feiern, auch wenn ich jetzt schon gegessen hatte und morgen
früh rausmusste? Kurzentschlossen sagte ich zu. Um Mitternacht musste ich mich allerdings vorzeitig verabschieden, denn am nächsten Feiertag ging der Workshop weiter. Diese Tatsache erntete ungläubiges Kopfschütteln der Einheimischen.
Trotz Müdigkeit am nächsten Tag habe ich die Entscheidung nicht bereut: Das Passahfest bei Freunden war doch andächtiger und intimer als später im Workshop. Die Botschaft war Gottes Treue beim Auszug aus Ägypten und am Kreuz. Manchmal muss man einfach versuchen, beide Welten unter einen Hut zu bringen.
Redaktioneller Hinweis: Dieser Beitrag wurde vor der Eskalation im Nahen Osten verfasst (siehe S. 19 „unterwegs rausgerissen“).
