Was ist schon so toll an der Hoffnung?

„Ich hab's im Radio gehört. Sie haben aufgehört, uns zu suchen.” „Besser, wir erzälen es den anderen.” „Ich kann nicht. Das wird die Hoffnung zerstören.” „Was ist schon so toll an der Hoffnung?”

Fast 30 Jahre, nachdem ich den Film „Überleben” (Original: „Alive”) gesehen habe, geht mir dieses Gespräch immer noch nach. Der Film erzählt die Geschichte der Rugbymannschaft, deren Flugzeug 1972 in den Anden abgestürzt ist. Tagelang warteten die Überlebenden in einem eisigen Hochgebirge auf Rettung. Ohne Essen und warme Kleidung konnten sie die endlosen Berge unmöglich zu Fuß bezwingen.

Dann hören einige die Meldung, dass die Suche eingestellt wurde. Sollen sie es den anderen sagen? Das wird ihnen die letzte Hoffnung nehmen! Im Film ist es Nando Parrado (gespielt von Ethan Hawke), der den Satz ausspricht: „Was ist schon so toll an der Hoffnung?” Das leuchtet mir ein: Er meint natürlich eine falsche Hoffnung. Dann schon lieber die schonungslose Wahrheit.

Kultur der falschen Hoffnung

Aber nicht alle Menschen sehen das so. In einigen Kulturen ist das Überbringen schlechter Nachrichten ein dermaßen brutaler Akt, dass eine Lüge vorgezogen wird. Meist sind das nur die alltäglichen Kleinigkeiten (der Mechaniker sagt: „Morgen ist das Auto fertig”), aber manchmal wird es wirklich extrem (der Arzt versichert dem todkranken Patienten, er werde bald wieder gesund sein).

Was tut man da als Missionar? Man will ja nicht der ausländische Besserwisser sein, der nur immer die örtlichen Umgangsformen kritisiert. Andererseits sehe ich in dieser Kultur der falschen Hoffnung die Ursache für viele der Probleme in meinem Umfeld.

Der Wahrheit ins Gesicht schauen

Die Überlebenden in den Anden mussten der Wahrheit ins Gesicht schauen: Sie waren auf sich gestellt und mussten zu extremen Maßnahmen greifen. Paradoxerweise kam durch diese Erkenntnis eine neue Hoffnung auf: Letztendlich schafften 16 der Überlebenden den Weg in die Freiheit.

In meiner täglichen Arbeit stehe ich vor der Herausforderung, die Wahrheiten auszusprechen, die wahre Hoffnung geben. Manchmal muss dafür zunächst eine falsche Hoffnung zerschmettert werden.

Hinweis: Die Beiträge von Missionaren sind persönliche Zeilen und geben nicht notwendigerweise die Meinung der VDM wieder.

Marcos Blog

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