Was ist ein Schicksal wert?
Viele unserer Schülerinnen und Schüler kommen aus schwierigen Verhältnissen. Vernachlässigung und Missbrauch sind keine Seltenheit; es sind sogar Minderjährige darunter, die bereits abgetrieben haben, oder Fälle, in denen Schüler fast ermordet wurden.
Solche Erlebnisse hinterlassen tiefe Spuren. Manche dieser Kinder suchen Aufmerksamkeit auf eine Weise, die das Wohlbefinden oder sogar die Sicherheit anderer gefährdet. Dann werden rote Linien überschritten und als Verantwortliche für die Schule müssen wir manchmal Entscheidungen treffen, die weh tun.
Kürzlich kam es wieder zu einem solchen Fall: Ein Junge, erst acht Jahre alt, war im vergangenen Jahr neu an unsere Schule gekommen. Von Anfang an fiel er durch sein Verhalten auf: Er schlug andere Kinder, berührte sie an intimen Stellen und provozierte fast unablässig – meist körperlich.
Wir haben vieles versucht: Gespräche mit den Eltern der Klasse, mit den betroffenen Mitschülern, intensive Begleitung durch die Lehrerin, therapeutische Sitzungen mit unserer Schulpsychologin, zusätzliche Betreuung durch eine externe Psychologin, er bekam sogar eine eigene Inklusionskraft. Auch mit der Mutter standen wir im engen Austausch. Sie war äußerst kooperativ, aber gleichzeitig auch verzweifelt. Der Junge machte kleine Fortschritte; doch leider waren sie zu klein, um die Situation dauerhaft tragbar zu machen.
Schweren Herzens mussten wir in einem Gespräch mit der Mutter unter Tränen beschließen, dass ihr Sohn unsere Schule verlassen sollte. Wir müssen alle Schülerinnen und Schüler im Blick behalten – und wussten gleichzeitig, dass wir hier einen Weg beendeten, den wir uns so sehr anders gewünscht hätten. Es tat weh, sehr weh. So viel Liebe, Zeit und Kraft hatten wir investiert – und nun sollten wir ihn „sich selbst überlassen“? Wie würde es mit ihm weitergehen?
In solchen Momenten wird uns bewusst, dass es Zeiten gibt, in denen wir säen, pflegen und begleiten – und Zeiten, in denen wir loslassen müssen. Betend, hoffend, vertrauend darauf, dass unser Herr Jesus weiß, was das Beste ist. Ihm ist das Schicksal eines jeden Einzelnen nicht egal.
Jesus hat die Neunundneunzigzurückgelassen, um das eine Schaf zu suchen. Dieser Gedanke geht uns durch den Kopf, wenn wir scheinbar das eine loslassen müssen, um die Neunundneunzig zu schützen. Was ist ein Schicksal wert? Warum schauen wir auf die Neunundneunzig und gehen nicht dem einen nach? Der Unterschied bei Jesus war, dass die Neunundneunzig in Sicherheit waren – das können wir leider nicht sagen.
Wie gut, dass Er dem einen nachgehen kann.
