Was Gott aus Fehlentscheidungen macht

„Hermana (Schwester) Miriam, kann ich dich jetzt kurz anrufen?“, schrieb mein Bibelschüler Jhonattan am Montag um 20.30 Uhr per WhatsApp. Total ungelegen, ich war mitten im virtuellen B2-Examen mit meinen Deutschschülern! Ich gab mir einen Ruck und antwortete ihm: „Fünf Minuten habe ich, denn meine Schüler sind gerade beim Teil ‚Lesenʻ.“ Das Handy klingelt, ich nehme ab. Jhonattan, mit der Unterstützung einer weiteren Schülerin im Hintergrund, fleht mich an: „Ist es möglich, das Pädagogik-Examen morgen um eine Woche zu verschieben? Wir sind erst um 16 Uhr von unserer Einsatzreise zurückgekehrt.“

Ich überlege, wie ich reagieren soll, doch der Frust in meinen Gedanken ist schneller: „Habe ich nicht den ganzen Nachmittag dafür gebraucht, um Kuchen für den Abschluss zu backen und Spiele vorzubereiten für eine gute Zeit mit den Schülern nach dem Examen?“ Zwar hatten sie eine Einsatzreise, aber ich würde sagen, zu irgendwelchen Ausreden haben sie kein Recht: Zwei Monate lang wissen sie schon, dass sie als Abschlussexamen in Pädagogik Spielecken vorbereiten müssen (Kreativität, Natur, Puzzle, Bücher …).

Gnade vor Recht ergehen lassen? Mitleid haben?

Gnade vor Recht ergehen lassen? Mitleid haben? In diesen Gedankengängen erinnert Gott mich daran, wie oft Menschen mit mir geduldig und barmherzig waren – selbst an der Universität, als ich mit meiner Facharbeit nicht rechtzeitig fertig wurde. Sollte ich da nicht auch für meine Schüler Verständnis haben? Die Antwort ist eindeutig. Jhonattan bekommt die ersehnte Nachricht: „Es ist in Ordnung. Dann verschieben wir das Examen um eine Woche. Aber ich komme trotzdem an die Bibelschule und mache am Aufbau der Bibliothek weiter.“ Begeistert verspricht er mir: „Wir helfen alle mit!“ – „Da bin ich mal gespannt!“, denke ich. Dann eine weitere „Überraschung“: Ein anderer Schüler, der seine Spielecke schon vor der Reise vorbereitet hat, ruft mich mitten in der Deutschprüfung „Hören“ an, so dass ich das Audio nochmals beginnen muss. Er beschwert sich bei mir wegen der Verschiebung des Examens. „Habe ich doch eine Fehlentscheidung getroffen?“, frage ich mich.

Als ich am nächsten Morgen an der Bibelschule ankomme, begrüßt mich Rosendo und zeigt auf seinen vollen Rucksack mit all dem Material für seine Spielecke: „Leider habe ich die Nachricht auf WhatsApp nicht gelesen. Warum ist das Examen verschoben worden?“ Noch ein Schlag ins Gesicht. Soll ich Jhonattan beschuldigen oder meine Gutmütigkeit? Ich öffne die Bibliothek und fange an, die Bücher zu sortieren. Rosendo hilft bereitwillig – und mir bleibt der Mund offen, als alle Schüler „aus ihren Löchern“ kommen und mit anpacken: Zwei sortieren die Bücher nach Themen, vier kleben Nummern auf die Bücher und vier registrieren sie. So schnell sind wir noch an keinem Tag vorher vorangekommen, die Bibliothek nimmt immer mehr Gestalt an.

Kennst du auch solche scheinbaren Fehlentscheidungen? Wie Gott das so macht: Gott kann auch daraus Gutes entstehen lassen und segnen!

Gebetsanliegen

  • Fertigstellen der Bibliothek zum Nutzen der Schüler
  • Weisheit bei Entscheidungen im Bibelschulalltag sowie persönlich
  • Glaubenswachstum der Schüler, Motivation zum Lernen und Anwenden
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Hinweis: Die Beiträge von Missionaren sind persönliche Zeilen und geben nicht notwendigerweise die Meinung der VDM wieder.

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Update
Ein Leben ohne Beziehungen und Begegnungen mit Menschen wäre für mich undenkbar. Umso mehr schätze ich den Dienst am Bibelinstitut für Quechuas, aber auch sonst verschiedene Gespräche im Alltag, die herausfordernd oder auch lustig sein können. In meinem neuen Blogbeitrag stößt man auf Anunnakis, gestohlenes Zuckerrohr und auf interessante Fragen meiner Schüler: Schmunzeln ist angesagt, denn: „Es gibt keine Zufälle. Es gibt nur Begegnungen, die entweder ein Test, eine Lektion oder ein großes Geschenk sind.“ (Silke Loers)  
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