Vergebung mit offenen Augen
In meinem Dienst als Missionar habe ich über die Jahre immer wieder Anlass gehabt, anderen zu vergeben. Diese Vergebung musste ich manchmal gerade Leuten gewähren, mit denen ich auf dem Missionsfeld zu tun hatte und deren Handlungen mich nicht nur schmerzten, frustrierten oder schockierten, sondern gerade auch das behindert haben, wozu ich mich als Missionar berufen fühlte.
In solchen Situationen war und bin ich vor wichtige Fragen gestellt: Worum geht es letztendlich in meinem Dienst, um mich oder um Jesus? Warum muss mich eigentlich diese oder jene Handlung schmerzen oder frustrieren? Und warum sollte ich so schockiert sein?
Nachfolge war und bleibt schwer
Als Bibelwissenschaftler müsste ich doch wissen, dass der Weg der Nachfolge schon immer schwer war und immer schwer bleibt. Ich denke an die vielen Enttäuschungen des Paulus, an die Frustration und Mühe von Esra und Nehemia.
Vor allem dient mir Joseph als Vorbild, der allen Grund hatte, seine Brüder anzuklagen; aber am Ende hatte er begriffen, worum es in seinem Leben geht. Als sich seine
mit Schuld beladenen Brüder vor ihn niederwarfen, sagte er: „Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.“ (Gen 50, 19-20)
Gott war immer bei Joseph gewesen in all den Wendungen und Verwirrungen seines Lebens; am Ende aber ging es nie um sein persönliches Geschick. Es ging um etwas viel Wichtigeres, das Joseph aber lange verborgen war: Gottes eigenen, mysteriösen Plan, Leben zu erhalten.
Gott vertrauen und handeln lassen
Wenn auch ich dies begreife und verinnerliche, werde ich frei. Ich „lasse los und lasse Gott handeln“. Ich gewinne die richtige Perspektive, nämlich: Gottes Treue in meinem Leben wahrzunehmen, auch wenn mir der große Zusammenhang verborgen bleibt. Und ich werde frei, in mir selbst ehrlich zu schauen und zu sehen, dass Dunkelheit auch in meinem Herzen lebt – und dass Gott trotzdem bereit ist, mit einem Menschen wie mir zu arbeiten.
