Vergebung als Königsweg
Vergebung spielt in unserer Arbeit eine fundamentale Rolle. Allerdings umfasst sie umfangreiche Facetten, die es jedes Mal neu zu ergründen gilt. Vergeben bedeutet keinesfalls vergessen oder gar unter den Teppich kehren. Ich (André) begleite jede Woche mehrere Opfer sexueller Gewalt oder geistlichen Missbrauchs.
Es gibt innerhalb der evangelikalen Allianz in Frankreich einen klaren Aufruf an die Opfer zum Beispiel sexueller Gewalt, Vergebung in Betracht zu ziehen. Diesen Aufruf halte ich für theologisch richtig, allerdings wird er für mich dann problematisch, wenn nicht auch auf die Not der Menschen eingegangen wird bzw. sich die Vergebung in einem Prozess entwickeln darf.
Trauma und Schuldgefühl
Ein Opfer von zum Beispiel sexueller Gewalt lebt mit einem Trauma, das verschiedene Auswirkungen auf das tägliche Leben haben kann. Das bedeutet, dass Opfer, egal welcher Form von Gewalt, Schaden tragen, der teilweise nicht gutzumachen ist bzw. lebenslange Folgen mit sich bringen kann. Die meisten betroffenen Personen, die ich begleite, leiden sowieso schon unter einem starken Schuldgefühl.
Ein genereller christlicher Aufruf zu Vergebung gegenüber den Tätern scheint mir als Teil der Aufarbeitung ein schwieriges Unterfangen, da das häufig zu einer Verstärkung des Schuldgefühls beim Opfer führt und somit eine Resilienz schwierig macht.
Trotz dieser oft sehr schwierigen Realität ist und bleibt Vergebung der Königsweg. In unserer Arbeit geht es aber in erster Linie darum, Menschen zu ermöglichen, traumatische Ereignisse zu verarbeiten und, wenn möglich, mit den Folgen leben zu können, um dann irgendwann auch wieder mehr sich selbst zu vertrauen.
Öffnung im Prozess?
Und vielleicht kann dann irgendwann in diesem Prozess der Trauer – es wurde einem ja etwas gestohlen – eine Öffnung geschehen, die es möglich macht, den Weg der Vergebung zu gehen. Denn Vergebung setzt Schadensersatz auch in der Bibel nicht außer Kraft. Diese Öffnung kann man jedoch nicht erzwingen. Geht es Christus nicht um den Menschen und vor allem um den, der Unrecht erlitten hat?
Dieser Spagat zwischen dem Wort Christi (und dessen Kontext) und unseren heutigen Herausforderungen ist für unsere Arbeit nichtimmer einfach.
