Mitgefühl – in Freud und Leid

Ein 38-jähriger Mann kommt in meine Sprechstunde am Hospital „Diospi Suyana“. Er stammt aus Cusco, 120 km oder etwa drei Autostunden von uns entfernt. Auf meine Frage, was ihn zu mir führt, antwortet er, er habe bemerkt, dass seit ca. zwei Monaten oberhalb seines linken Schlüsselbeines „etwas“ wachsen würde. Er sei sonst gesund und habe keine Vorerkrankungen.

Mein Untersuchungsbefund bestätigt seine Aussage. Oberhalb des linken Schlüsselbeines ist eine verhärtete Weichteilschwellung tastbar, die sich jedoch nicht klar von den Umgebungsstrukturen abgrenzen lässt. Einige vergrößerte Lymphknoten lassen sich an der linken Halsseite tasten und den linken Arm kann der Patient schmerzbedingt nur bis
90 Grad anheben. Eine schnell durchgeführte Ultraschalluntersuchung durch meinen Kollegen bestätigt meine Verdachtsdiagnose, dass es sich höchstwahrscheinlich um einen bösartigen Tumor handelt, der sich innen schon bis zur Brustwand ausgebreitet hat. Es schließt sich noch die Durchführung eines CTs an, das den Ultraschallbefund bestätigt, aber glücklicherweise keine Metastasen zeigt. Leider ein Befund, mit dem wir dem Patienten an unserem Hospital nicht weiterhelfen können, aber ich weiß, wohin ich ihn über-
weisen möchte.

Ich nehme mir Zeit für das nun folgende Gespräch. Mir ist wichtig, dass mein Patient seine Diagnose versteht. In Peru werden die meisten Dinge nämlich gerne auf die lange Bank geschoben. Mein Rat ist, dass sich der Vater von vier Kindern schon in den nächsten Tagen mit unseren Untersuchungsbefunden im regionalen Zentrum für onkologische Erkrankungen vorstellt. Am Ende des Gesprächs biete ich ihm an, für ihn zu beten. Er nimmt das Angebot bereitwillig an und so bete ich mit ihm.

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