Mit dem Bus zur Sprachschule
Seit Ende März lebe ich in Arequipa, einer Großstadt im Süden von Peru. Hier lerne ich in einer Sprachschule Spanisch; ich lebe in einer Gastfamilie, um das Gelernte gleich anwenden zu können, und finde mich in der Stadt jeden Tag ein bisschen besser zurecht.
Um vom Haus der Familie zum Unterricht zu kommen, fahre ich mit dem Combi, dem öffentlichen Bus. Bushaltestellen gibt es keine, Fahrpläne auch nicht; morgens stelle ich mich an die nächste Straßenecke und versuche, die Aufschriften auf den vorbeifahrenden Bussen zu lesen. Der Verkehr ist rasant, es wird gehupt und gedrängelt. Wenn dann endlich ein Bus der Linie C angefahren kommt, winke ich zum Zeichen, dass ich mitfahren möchte; der Bus hält, ich steige ein und der Bus fährt weiter.
Jeden Tag ist es im Bus anders – mal gibt es einen Sitzplatz, mal muss man stehen, manchmal läuft traditionelle Musik, manchmal steigen junge Straßenmusiker ein und sorgen für Unterhaltung. Wenn man keinen Sitzplatz ergattern konnte, wird die Fahrt zum Balanceakt: Mit der einen Hand hält man sich an einer Stange fest, mit der anderen nimmt man den Rucksack vor die Brust und schützt seine Wertsachen. Zusätzlich beobachtet man mit einem Auge seine Umgebung, um nicht bestohlen zu werden, und mit dem anderen Auge schaut man nach draußen, um den Ausstieg nicht zu verpassen.
Je näher der Bus der Stadtmitte kommt, umso mehr wird aus der rasanten Fahrt ein Stop-and-go: Der Verkehr wird immer dichter und der Bus quält sich durch die Autoschlangen – und immer wieder winken Menschen am Straßenrand, um auch einzusteigen.
Wenn der Bus dann endlich die große Kreuzung überquert hat, fährt er einen Berg hinunter, folgt einer S-Kurve und das ist mein Zeichen: Ich schlängele mich durch die Menschenmenge Richtung Vordertür, hoffe, dass danach mein Handy noch an mir ist, gebe dem Busfahrer Bescheid, dass ich an der nächsten Straßenecke aussteigen will, bezahle einen Sol und steige nach einer scharfen Bremsung schnell aus, damit man mich nicht für eine Fahrtverzögerung verantwortlich machen kann.
Nach dem Aussteigen geht es noch ein paar Straßen zu Fuß weiter zur Sprachschule. Es tut gut, wieder auf festem Boden zu stehen.
„Ich vermag alles durch den, der mich stark macht, Christus.“
Philipper 4,13
Dieser Vers begleitet mich, seit ich in Arequipa bin.
Am Anfang war die Fahrt mit dem Combi eine große Herausforderung: Ich musste mich schon dazu überwinden, den Bus durch Winken anzuhalten; ich hatte Angst, dass mir mein Handy gestohlen wird; in der Menschenmenge habe ich mich oft eingeengt gefühlt. Doch im Nachhinein darf ich erkennen, wie Gott mich begleitet und gestärkt hat:
Er hat mir einen Sprachschul-Kollegen an die Seite gegeben, der mir beigebracht hat, wie ich mit dem Bus zum Ziel komme und worauf ich achten muss.
Ich durfte merken, dass ich von Tag zu Tag selbstbewusster den Bus anhalten konnte und mittlerweile kenne ich die Strecke so gut, dass ich genau weiß, wann ich mich zur Tür begeben sollte.
Auch ist das Busfahren eine gute Möglichkeit, in die neue Kultur einzutauchen, Menschen zu beobachten, die Sprache zu hören und ein Teil vom Leben in dieser Stadt zu sein.
