Mehr als Leistung
Eine Frau Ende dreißig, Nicole*, bat mich um ein Debriefing. Schon diese Anfrage kostete sie Überwindung.
Über viele Jahre war sie stark engagiert: in ihrer Gemeinde, in internationalen Zusammenhängen und zeitweise auch im Ausland. Immer wieder suchte sie nach ihrer Berufung, nach dem Ort, an dem sie „endlich ankommt“.
Doch viele Übergänge, Konflikte und innere Spannungen hatten sie zermürbt. Was einmal aus Leidenschaft entstanden war, fühlte sich zunehmend wie Getriebensein an.
Schon in den ersten Tagen der Reflexion zeigte die Vogelperspektive: Das war nicht einfach „viel“, sondern über lange Zeit zu viel. Wir schauten auf Krisen, Verluste, dauerhafte Belastungen und auf innere Antreiber. Allmählich wurde deutlich, was sie selbst lange kaum wahrgenommen hatte: Sie steckt in einer Erschöpfungsdepression. Zwischen unseren Terminen suchte sie einen Arzt auf, ließ sich krankschreiben und begann, erste Schritte der Erholung zu gehen. Für sie war das ein mutiges Eingeständnis: Ich kann gerade nicht mehr und ich darf anhalten. Mein Körper reagiert. Ich brauche Ruhe, Hilfe und Heilung.
In dieser Geschichte zeigt sich eine stille Form von Mangel: nicht fehlender Wille, sondern fehlende Kraft. Und das Missverständnis, der eigene Wert liege in Leistung. Auch im christlichen Umfeld kann dieser Druck wachsen, wenn Engagement und Effizienz zum Maßstab werden.
Wir sprachen über Identität in Christus – über den Ort, an dem ich nicht durch Leistung genüge, sondern geliebt bin. Manches durfte sie im Gebet bewusst ans Kreuz bringen: Schmerz, Scham, falsche Antreiber. Der Weg braucht Zeit. Doch ein Anhalten wurde zum Anfang: gesund werden und dann den nächsten Schritt erkennen.
„Eile ist der große Feind des geistigen Lebens in unserer Zeit. Du musst die Eile aus deinem Leben rücksichtslos beseitigen.“
