Lockdown im Slum
Seit über sechs Monaten können die Kinder nicht in unser Zentrum kommen. Sie dürfen ihre Häuser und Hütten nicht verlassen, die Schulen sind weiterhin geschlossen.
Die Eltern dürfen in kleinen Gruppen kommen. Wir versorgen sie mit Lebensmittelpaketen, haben gemeinsame Andachten, Zeit zum Austausch und Gebet. Wir haben eine kleine Bücherei eingerichtet, wo sie neben Bilderbüchern und Spielen auch Bastelaktivitäten und Bibellesepläne für ihre Kinder bekommen. Jedes der Kinder wird einmal in der Woche von uns angerufen. Wenn die Familie kein Handy hat, dann leihen sie sich für diese Zeit das Handy der Nachbarn.
Je länger die Pandemie und der Lockdown andauern, umso mehr breitet sich Hoffnungslosigkeit aus unter den Eltern. Fast alle Väter haben ihre Arbeit verloren und es gibt wenig Aussicht, dass sie in der nächsten Zeit wieder Arbeit finden.
Es ist uns wichtig, dass wir den Eltern nicht nur die Lebensmittelpakete in die Hand drücken. Wir wollen ein offenes Ohr haben für sie und ihre Kinder, wollen für sie da sein. Hierfür sind sie sehr dankbar. Ein Mädchen aus dem Hort schrieb mir: „Danke, dass ihr uns nicht im Stich gelassen habt!“
In den Austauschrunden mit den Eltern fließen immer viele Tränen. Da ist die Mutter, die erzählt, wie ihr Mann während des strengen Lockdowns durchgedreht ist und versucht hat, sie zu erstechen. Andere erzählen, wie sehr die Kinder es vermissen, in unser Zentrum zu kommen. Der 16-jährige Sohn einer Mitarbeiterin kämpft seit dem Lockdown mit massiven Depressionen. Eine andere Mutter bricht in Tränen aus – ihr Mann hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Der Grund: ein positiver Corona-Schnelltest und die damit verbundenen Ausgrenzungen und Beschimpfungen im Slum. Gerade noch rechtzeitig konnte ein anderer Kindergartenvater ihm das Leben retten. Der anschließende PCR-Test war negativ.
Oft fehlen mir die Worte, wenn die Eltern berichten, was sie in dieser Zeit der Pandemie durchmachen müssen. Da ist es gut zu wissen, dass Gott unser guter Hirte ist, der auch im finsteren Tal bei uns ist. Diese Hoffnung wollen wir an die Familienweitergeben und wir beten, dass sie die Hand des Hirten ergreifen.
