Ist Abschreiben erlaubt?

Das war der Klassensprecher der Studenten, die ich im Markusevangelium unterrichtete.

Ich überlegte, hielt Rat mit der Leitung der Bibelschule – und bat, ohne zu wissen, wer es war, im nächsten Unterricht die Studenten, mir die Wahrheit zu sagen. Ich appellierte an ihr Gewissen, sie sollten ehrlich sein. Etwas nervös kamen  nach dem Unterricht zwei Männer aus derselben Volksgruppe auf mich zu und gestanden mit Tränen in den Augen, dass einer der beiden den anderen abschreiben ließ.

„Ich wollte nur helfen.“

Das war sein Beweggrund: Er wollte seinem Bruder in der Not zur Seite stehen und ihn mit seinen geringen Spanischkenntnissen nicht im Stich lassen.

Diese Situation brachte mich dazu, ganz neu über meinen interkulturellen Dienst nachzudenken: Wie oft bewerte ich Menschen nach meinem Wertmaßstab! Von meiner Herkunft her sind mir Gerechtigkeit und Ehrlichkeit wichtig; auch in der Bibel finde ich diese Werte, die mich bestätigen und leiten. Doch nun musste ich darüber nachdenken, warum einer der Studenten nun so gehandelt hat: War arglistige Täuschung das Motiv? Ich glaube nicht.

Für ihn standen über diesen Werten, die mir so wichtig sind, der Wert der Nächstenliebe und der Hilfeleistung. Ich dachte ganz praktisch darüber nach: Ist es wichtiger für ihn, alle Fragen richtig beantworten zu können, oder, seinem Nächsten in Not zu helfen? War das Motiv seiner Handlung nicht Aussage genug, um zu zeigen, wie viel er von Jesu Lehre bereits verinnerlicht hatte? Gewiss hätte er das in einer ehrlichen Weise tun können und nach einem Weg suchen, der Hilfeleistung und Ehrlichkeit vereint hätte. Doch ich sehe, wie unterschiedlich manche Werte in verschiedenen Kulturen priorisiert werden.

Diese Situation lehrte mich, Handlungen meines Nächsten nicht vorschnell zu verurteilen, sondern etwas besser nachvollziehen zu wollen und zu verstehen, dass der Heilige Geist am Wirken ist auch in meinen Glaubensgeschwistern anderer Kultur und Prägung.

Für viele Studenten ist es enorm wichtig, das Studium gut abzuschließen. Immerhin hängt daran auch das Ansehen, was in solchen Kulturen nicht zu unterschätzen ist.

Es bleibt eine Frage der Weisheit und eine ständige Herausforderung, das ernst zu nehmen und gleichzeitig ihnen zu vermitteln, dass nicht der Abschluss sie zu treuen Dienern Christi macht, sondern das, was sie im Alltag für Jesus Christus und ihren Nächsten aus Liebe heraus tun.

Gebetsanliegen

Wir bitten euch um Gebet, dass wir Kraft haben und Bewahrung erleben für die erneute Ausreise nach Peru; so Gott will, werden wir im Frühjahr 2026 erneut ausreisen.

Betet auch um gute Begegnungen beim weiteren Ausbau des Unterstützerkreises in den nächsten Monaten.

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