Freundesbrief Familie Soza Putschky

Straßenarbeit und Rehabilitation

„Wir haben kein Geld, uns Schulbücher zu kaufen“ sagt die 13-jährige Damaris am Telefon, „und könnt ihr uns bitte Lebensmittel bringen?“ Damaris, ihr 11-jähriger Bruder und ihre 9-jährige Schwester blieben alleine zurück, als ihre Mutter ins Gefängnis kam. Wir hatten die Familie vor Jahren von der Straße geholt und uns seither intensiv um sie gekümmert. Der Vater der Kleinen hat sie verlassen, der Vater der beiden Großen wurde auf der Straße ermordet.  Schließlich war eine Tante, die selbst 4 Kinder hat, bereit, die Kinder aufzunehmen, bis die Mutter freikommt. Mittel hat sie keine; in Bolivien gibt es weder Kindergeld noch Hilfe für alleinerziehende Mütter. Die Kinder freuen sich sehr, als unsere Mitarbeiterin Yesmi   Schulbücher und Lebensmittel mit ihnen kauft und sie mit gespendeten Kleidern und biblischem Material versorgt. Bei jedem Besuch spricht Yesmi mit ihnen auch über eine biblische Geschichte oder Präventionsthemen. Auch nimmt sie sich Zeit zur persönlichen Seelsorge. Damaris und ihre Geschwister sind sehr traumatisiert; von ihrer alkoholabhängigen Mutter wurden sie oft misshandelt und allein gelassen. Wir beten, dass sie Gott als liebenden Vater kennenlernen und innere Heilung erfahren.

Viele weitere Kinder und Jugendliche, deren Eltern auf der Straße gelebt haben oder im Gefängnis sind, begleiten wir seelsorgerlich und unterstützen sie bei der Schul- und Ausbildung. Für die Straßenarbeit in La Paz und El Alto haben wir ein motiviertes Team bolivianischer Voluntäre, welche die verschiedenen Straßenbanden wöchentlichen besuchen.

Bergdorfarbeit

Dankbar schauen wir auf unsere Weihnachtsaktion für insgesamt 654 Kinder und Jugendliche in 22 Berg- dörfern um La Paz und auf dem Altiplano zurück. Eine Woche lang war unser Team auf oft steilen und unasphaltierten Wegen auf bis zu 4200 m Höhe unterwegs, um in den von uns betreuten Bergdorfschulen ein ganz besonderes Weihnachtsprogramm durchzuführen. Die Schulen unterstützen wir wöchentlich mit Religions- und Englischunterricht sowie mit Seelsorge und Nachhilfe für einzelne Schüler. Auch führen wir in allen Klassen Workshops zur Prävention von Gewalt und sexuellem Missbrauch durch.

„Gott hat uns nicht vergessen und hat uns ein Weihnachtsgeschenk geschickt“ ruft die kleine Angela vom Dorf Jucumarca überrascht. Sie und ihr Bruder wurden von ihrer Mutter verlassen und bei Nachbarn unter- gebracht. In allen Dörfern warteten die Kinder voller Spannung und kaum sahen sie die Pickups ankommen, rannten sie freudig neben ihnen her. Begeistert sangen die Kinder das Lied „Dios es amor“ (Gott ist Liebe) und machten die Coreographie dazu. Als Höhepunkt des Programms führten unsere Mitarbeiter das Theaterstück „El buen pastor“ (der gute Hirte) auf, bei dem hervorgehoben wird, dass der gute Hirte Jesus das wichtigste Geschenk für uns ist. Nicht nur die Schüler, sondern auch Lehrer, Eltern und Dorfvorsteher hörten aufmerksam zu. Nach dem Imbiss bekamen alle Schüler ein Geschenk, dazu biblische Malhefte und christliche Zeitschriften.

Besonders die Kinder, die die Schulen im Gebiet Llallagua auf dem Altiplano besuchen, sind von extremer Armut betroffen und waren sehr glücklich über die Weihnachtsaktion. Viele sind häuslicher Gewalt ausgesetzt, z.B. die 8-jährige Janet, die zuhause geschlagen wurde, weder lesen noch schreiben konnte und ein sehr schlechtes Selbstwertgefühl hatte. Unsere Mitarbeiterin Yesmi kümmerte sich um sie und nun bezeugt Janet stolz: „Gott hat mir Lesen und Schreiben beigebracht!“  Bewegt hat uns auch eine Szene mit den Lehrern des Ortes Toquía, wo unsere Mitarbeiter erst seit ein paar Monaten unterrichten. Am Schluss stehen etliche Lehrer im Kreis um unseren Mitarbeiter Joel und hören gespannt zu, als er sie ermutigt, ihr Vertrauen auf Jesus zu setzen. Spontan beginnt einer nach dem anderen zu beten und Jesus als Herrn anzunehmen.

Außer in den Dorfschulen lief die Weihnachtsaktion auch bei den Kinderstunden, die unsere Mitarbeiter an den Wochenenden in 7 Bergdörfern halten. Alle Kinder bekamen warme Jacken als Geschenk, was große Freude auslöste. Die Meisten hatten zuvor noch nie eine Jacke besessen. Im kleinen Bergdorf Huacallani nahm die komplette Dorfgemeinschaft, 70 Personen, am Weihnachtsprogramm teil.

Der dichte Nebel lässt Marco und seine Geschwister kaum sehen, wo sie hinlaufen. Fast drei Stunden sind sie hoch in den Bergen bei eisiger Kälte zu Fuß unterwegs, um zur Schule im Dorf Colquechata zu kommen. Sie gehen barfuß in „abarcas“, den aus alten Autoreifen hergestellten Sandalen. Ihre dürftige Kleidung ist feucht vom Nebel. Nun sitzen sie frierend im unbeheizten Klassenzimmer. Kaum sehen die Kinder unsere Mitarbeiter, rennen sie jubelnd um die Wette, um diese mit vielen Umarmungen zu begrüßen. Seit März erreichen wir 5 sehr abgelegene Schulen, die Gott uns aufs Herz gelegt hat, in Colquechata ist eine davon. Beeindruckend, wie offen und wissbegierig die Kinder sind und mit welcher Hingabe sie mitmachen. Sie hatten zuvor noch nie das Evangelium gehört und kannten keine biblischen Geschichten. Nun saugen sie alles auf wie ein trockener Schwamm und können nicht genug kriegen. Danach fahren die Mitarbeiter auf einem matschigen, in der Regenzeit kaum befahrbaren Weg weiter in das Dorf Chanca. Die mühsame Fahrt lohnt sich; mehr als 80 Schüler warten voller Freude.

Besonders bewegend ist der Unterricht dienstags in Alto Peñas, wo unser Team seit März insgesamt 94 lernbegierige Schüler von der Vorschule bis zum Abitur unterrichtet. Die Fahrt führt über einen Berg mit traumhafter Aussicht auf die verschneite Bergkette der „Cordillera Real“. Oft kommen die Kinder nach langen Fußmärschen durchnässt zur Schule; sie sind so dankbar für den Besuch unserer Mitarbeiter. Besonders die Jugendlichen lernen mit Begeisterung aus der Bibel und löchern unsere Mitarbeiter mit Fragen über Gott und den Glauben. Das motiviert auch die Mitarbeiter, ihre eigene Beziehung zu Gott zu vertiefen.

„Im April haben 19 Kinder von Alto Peñas ihr Leben Jesus anvertraut; nun leiten wir sie an, zu beten und erste Schritte im Glauben zu gehen“, berichtet unsere Mitarbeiterin Deysi. Was für eine Gnade, dass wir trotz sozialistischer bolivianischer Regierung in 15 Schulen Gottes Liebe bezeugen können!

Gefängnisarbeit

Juans Handy klingelt! „Hallo Papi“ sagt eine tiefe Stimme. Es ist Aldo, ein 40-jähriger Mann aus dem Hochsicherheitsgefängnis in Chonchocoro. Wir hatten ihn 1998 bei der Straßenarbeit kennengelernt. „Danke, dass du mich ermutigst, auf Gott zu vertrauen. Ich bete für dich und die Mami“ endet das Gespräch. Auch mit Inhaftierten des Gefängnisses San Pedro hat Juan regelmäßige Seelsorgegespräche, u.a. mit dem vor 12 Jahren zu Unrecht inhaftierten Pastor René, der immer wieder Ermutigung braucht und voraussichtlich noch 8 Jahre absitzen muss. Und mit Gonzalo, der bei einem Gefängnisbesuch zum Glauben kam, macht Juan einen Jüngerschaftskurs. Es ist zwar Handyverbot, die Polizisten überwachen aber lediglich den Eingangsbereich, im Inneren ist es für sie zu gefährlich. Dort hat ein hoher Drogenchef das Sagen, dem die Inhaftierten Miete bezahlen müssen. Wir freuen uns, dass ein Team unserer bolivianischen Gemeinde nun die Besuche und Gottesdienste in den Gefängnissen weiterführt.

Familiäres

Im September stand unser Rückflug nach Deutschland an; erst zwei Monate vorher hatten wir definitiv die schwere Entscheidung getroffen, nach Deutschland umzuziehen, - einerseits aus gesundheitlichen Gründen und andererseits, um meine Eltern und unsere Töchter Lisa und Emely, die bereits in Deutschland (Münster bzw. Dresden) studierten, besser unterstützen zu können. Nach 27 Jahren in La Paz war das Loslassen innerlich und äußerlich ein längerer Prozess. In den Wochen vor dem Abflug galt es, unseren gesamten Haushalt aufzulösen. Wir waren sehr froh, als Juan auf der deutschen Botschaft wenige Stunden vor dem Abflug seine Aufenthaltsgenehmigung bekommen hat!  Zum Verabschieden kamen am Flughafen viele liebe langjährige Mitarbeiter, die uns sehr ans Herz gewachsen sind. Wir segneten einander und beteten füreinander, - was für ein bewegender und schwerer Moment.

In Deutschland angekommen waren wir beschäftigt mit Organisieren, Bürokratie, Einrichten und Arzt-terminen. Ich musste neu lernen, wie die Dinge in Deutschland funktionieren. Bitte betet, dass wir hier auch innerlich ankommen können. Oft überkommt uns noch Heimweh! Besonders herausfordernd war es für unseren Sohn Jonathan, denn ein Tag nach unserer Ankunft begann schon das neue Schuljahr am Gymnasium. Einen Monat später brach er sich den Mittelfußknochen, musste operiert werden und drei Monate an Gehstützen gehen. Fasst sieben Monate kein Fußball!

Nach Drei Jahren Onlinestudium „Leiterschaft und Seelsorge“ hat Juan im November seine Abschlussar- beit geschrieben. Das 4. Studienjahr besteht fast ausschließlich aus praktischen Seelsorgestunden, welche Juan u.a. in der spanischen Gemeinde in Mannheim absolviert, wo er sich auch mit Predigen engagiert. Ebenso hat er viele Seelsorgegespräche online mit den von uns betreuten Leuten in La Paz. Wir leiten die Missionsarbeit im Home-Office und sind mit Organisation und Verwaltungsdingen, Mitarbeiterbespre- chungen, Andachten, Fortbildungen, Vorbereitung von Unterrichtsmaterial und der persönlichen Beratung der Rehafamilien beschäftigt.

Unglaublich, wie viele offene Türen uns Gott in La Paz schenkt; wir sind überzeugt davon, dass Gott noch Großes vorhat! Wir bitten euch, die Missionsarbeit auch weiterhin finanziell und im Gebet zu unterstützen, denn nur so ist sie überhaupt möglich. Damit die Arbeit in La Paz auch längerfristig uneingeschränkt weiterlaufen kann, sind wir darüber hinaus auf neue regelmäßige Spender sowie auf Sonderspenden angewiesen. Wir setzen unseren Reisedienst fort und halten Präsentationen in verschiedenen Gemeinden und Kreisen und gerne besuchen wir unsere Unterstützer auch einfach mal persönlich. Falls ihr noch Fragen habt oder uns einladen wollt, meldet euch gerne per Mail oder telefonisch.

Wir danken euch herzlich für eure treue Unterstützung und wünschen euch Gottes Segen,

Eure Anouschka & Juan mit Jonathan, Lisa und Emely

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Miguel war lange still und verschlossen. Niemand wusste, was in ihm vorging. Doch seit einiger Zeit ist alles anders: Wenn der Pick-up im Dorf hält, rennt er ihm lachend entgegen – und erzählt von dem, der ihm neuen Mut gegeben hat.
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unterwegs | Ausgabe 1/2025
„Was hast du eigentlich gedacht, als wir deine Straßenbande unter der Amerikabrücke besucht, euch Frühstück gebracht und von Gott erzählt haben?“, frage ich den Ex-Drogenhändler Marco. ...
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Update
„Was soll ich sagen, wenn mich Leute fragen, woher ich bin?“ fragen mich meine beiden Töchter, die jetzt in Deutschland studieren, immer wieder. Gar nicht so einfach!