Familienleben in der Mission
Wie habt ihr euch vorbereitet, um eure Kinder mitzunehmen auf die Reise in die Mission?
Delia: Unsere Kinder wussten von Anfang an, dass wir in die Mission wollen, das war schon immer ein Thema. Als die Ausreise näher rückte, haben wir ganz viele Bibelgeschichten gelesen – wie Gott Menschen beruft. Ich liebe Missionsgeschichten und so habe ich mit den Kindern ganz viele Geschichten gelesen von Kindern, von Erwachsenen, was man mit Gott erlebt, um sie so für Mission zu begeistern.
Daniel: Wir haben die Kinder schon früh mit reingenommen: Was bedeutet Mission? Mission ist nicht nur ein Abenteuer – also, dass Papa und Mama vielleicht denken, wir gehen mal woanders hin, weil es uns hier nicht gefällt. Nein! Wir sind als Familie gemeinsam unterwegs, um Gott zu dienen. Natürlich, in der Vorbereitung waren Missionsgeschichten, Bibelgeschichten und Bücher über Missionskinder sehr hilfreich.
Sehr geholfen haben uns auch Gespräche mit anderen Missionarsfamilien, die gerade vom Feld kommen – Leute aus unserer Generation, das ist etwas lebensnaher als Bücher. Bücher sind gut, aber doch schon ein paar Jahre älter. Was auch sehr geholfen hat, war die Reflexion über die eigene Kindheit: Wenn man selber Missionarskind war, weiß man, was ungefähr in einem Kind vorgeht.
Delia: Das hat unseren Jungen richtig gutgetan, dass wir Missionarsfamilien gesucht haben und zwischen den Kindern Kontakte hergestellt haben – zum Beispiel zu ihrem Cousin Mateo. Wir haben gesagt: „Tauscht euch doch mal aus, der ist schon ausgereist, und fragt ihn, wie das so ist als Missionarskind.“ Denn Missionarskinder verstehen einander noch mal anders als nur die Freunde in Deutschland: Ein Missionarskind weiß, was es bedeutet, ein Missionarskind zu sein. Die Kinder haben richtig lange telefoniert und es tat beiden Seiten soo gut – sie haben sich verstanden gefühlt und das ist super-wertvoll.
In der Vorbereitungszeit in der Gemeinde, habt ihr euch da schon als Missionare gefühlt?
Delia: Wir haben schon in der Zeit in der Gemeinde angefangen, die Kinder in den Dienst miteinzubeziehen. Ich fand das so traurig: Sobald du schwanger bist, kannst du keinen Dienst in der Gemeinde mehr machen und spätestens, wenn das Kind da ist, geht das ja gar nicht mehr. Das fand ich sehr schade; ich habe die Arbeit in der Gemeinde so geliebt und ich wollte nicht zu Hause herumsitzen. Ich wollte einen Weg finden, wie ich das mit Kindern machen kann. Also habe ich nicht mehr „die Jugend“ gemacht, sondern die Jugend ist am Wochenende zu uns nach Hause gekommen.
Natürlich hat sich mein Dienst ein bisschen verändert, ich musste mich ja um die Kinder kümmern; aber wenn ich zu Hause die Kinderstunde vorbereitet habe, haben sie mir geholfen. Sie haben z. B. ausgeschnitten – wahrscheinlich musste ich es danach nochmal nachschneiden; aber sie waren voll begeistert: „Wir dürfen Mama helfen!“ Für unseren Großen war das gewaltig, der hat immer wieder gesagt: „Mama, das ist so schön, ich weiß: Jesus kann auch mich gebrauchen!“ Das ist wertvoll, wenn ein Kind das weiß: Jesus kann mich gebrauchen! Und er will mich gebrauchen!
Im letzten Jahr haben eure Kinder viele Umbrüche erlebt. Oft hört man die wohlgemeinte Frage: „Na, haben sie sich schon an das Umziehen gewöhnt?“ – Wie sieht das aus, wenn Kinder sich ans Abschiednehmen und Neuankommen herantasten?
Daniel: Beim ersten Umzug wollte unser Großer, damals zwei Jahre alt, wieder nach Hause. Wir wohnten jetzt vier Autostunden von unseren Eltern weg und nach einer Woche kam also unser Großer, damals war er zwei, und stellte sich mit gepacktem Rucksack vor die Tür: „Ich geh nach Hause! Ich fahr zurück!“ Da haben wir zum ersten Mal gemerkt, dass das Heimweh einsetzt. Von da an wussten sie schon ein bisschen, was auf sie zukommt; trotzdem war es nicht leicht. Mittlerweile ist es nicht nur ein: „Oh nein, wir müssen wieder weggehen!“, sondern sie sehen auch die Chancen: Was können wir beim nächsten Mal besser machen? Jetzt fangen sie an, Pläne zu schmieden fürs nächste Haus, sie wollen Baumhäuser bauen (was nicht ganz realistisch ist hier in Thailand) – aber sie haben Pläne und Vorfreude: Nächstes Mal wollen sie ein Gartenhäuschen bauen, einen Fußballverein suchen und neue Projekte starten. Das hilft ein bisschen gegen den Umzugsschmerz, dass sie das Gewohnte, das ihnen ein bisschen Zuhause geworden ist, wieder verlassen müssen, wenn sie Vorfreude haben: Okay, einmal mehr - wir wissen nicht genau, wie es dort ist, aber es wird besser und wir machen das Beste daraus.
Sie dürfen ganz verrückte Ideen haben, die wimmeln wir nicht immer ab, sondern wir lassen sie und dann versuchen wir ihnen zu helfen, das eine oder andere umzusetzen. Manches vergessen sie, an manches erinnern sie sich und dann gucken wir eben, was möglich ist.
Delia: Wir versuchen auch immer vor dem Umzug zu sagen, was es in dieser Stadt richtig Tolles gibt, was wir als Familie entdecken können – Wasserfälle oder Elefantenpark oder hier bei uns der Affentempel. Wir wollen einfach schon mal die Vorfreude darauf wecken, damit sie ein wenig Lust bekommen aufs Umziehen. Natürlich ist man auch traurig. Gerade beim letzten großen Umzug mussten sie Freunde verlassen und hier ist die ganz neue Sprache. Aber trotzdem hatten sie super-vieles, wo sie gesagt haben: „Darauf freuen wir uns.“ Das hat echt geholfen.
Aus diesen Umbrüchen heraus habt ihr sicher auch Schätze mitgenommen. Welche sind das?
Delia: Das Wichtigste ist unser Wunderglas: Wir sammeln die Holzstäbe vom Eis am Stiel; und wenn wir eine Gebetserhörung erleben oder an einem Tag was richtig Schönes erlebt haben, dann schreiben wir das da drauf, mit Datum, und stecken das in unser Glas. Dieses Glas steht im Wohnzimmer und erinnert uns in schlechten Zeiten daran: Gott war da! Gott hat uns nicht vergessen! Gott hat so viele Gebete erhört! Für mich ist das wichtig, das immer wieder vor Augen zu haben, und für die Kinder auch. Da sind z. B. die Bekehrungen unserer Großen drin. „Hey, guck mal, hier: Du bist ein Kind Gottes! Auch wenn du dich jetzt gerade ganz blöd und traurig fühlst. Das haben wir festgehalten, du hast da deinen Namen draufgeschrieben.“
Das ist einer unserer besonderen Schätze.
Was war bei den Umzügen herausfordernd und was habt ihr dabei gelernt?
Daniel: Die größte Herausforderung ist, dass ein Umzug die Familie als Ganzes betrifft, nicht nur die einzelnen Familienmitglieder. In diesem Zuge haben wir Methoden gefunden, das gemeinsam zu meistern: die ersten Nächte zusammen im selben Raum schlafen, um den Kindern Sicherheit zu geben – Mama und Papa sind hier, wir sind immer noch dieselbe Familie. Wir als Familie gehören zusammen und stehen zueinander. Wir machen kleine Ausflüge, erkunden zwischendurch einfach mal was Neues und Schönes in der Umgebung. Auch ab und zu das gewohnte Essen hilft, das Gefühl von Zusammenhalt zu stärken und zu wissen: Wir sind umgezogen, aber wir sind immer noch als Familie zusammen; und es geht weiter!
Delia: Wir haben vier Jungs und jeder ist anders. Wir haben gelernt, auf ihre Bedürfnisse einzugehen, anhand der fünf Liebessprachen, das Buch gibt es auch für Kinder – ich fand es „Gold wert“. Ich habe verstanden: Gut, das eine Kind braucht es, eine halbe Stunde mit mir auf dem Sofa zu liegen, und nichts anderes. Das andere Kind braucht den Papa zum Boxen und das ist auch völlig okay. Die Power muss raus!
Daniel: Oder mit der Mama boxen.
Delia: Ja, sie haben auch schon mal gegen mich geboxt – und dann kam so ein Spruch: „Mama, wir sind stärker als du.“ Da musste ich ihnen zeigen, dass sie es nicht sind.
Daniel: Fürs Protokoll: Alles mit Boxhandschuhen!
Delia: Aber wirklich jedes Kind ist anders, jedes Kind; und manchmal können sie nicht sagen, was los ist. Es geht uns ja auch manchmal so: Da wacht man morgens auf und denkt sonst was – also, eine wichtige Erkenntnis war für mich auch, eigene Gefühle zu zeigen und zu akzeptieren, dass es okay ist, sich mal nicht gut zu fühlen. Ich musste lernen, dass es okay ist, wenn mein Kind es nicht erklären kann, wenn es morgens aufsteht und sagt: „Ich fühl mich heute einfach doof, aber ich weiß nicht, warum“ – und ihm dann zu sagen: Das ist okay; und dann zu allen zu sagen: „Du, er fühlt sich heute nicht gut, also, lassen wir ihn heute einfach mal.“ Es ist in Ordnung, das zu akzeptieren, wie der andere sich fühlt. Aber wir müssen uns auch unsere eigenen Gefühle eingestehen. Als Mutter ging es mir schon oft so, dass ich denke: „Ich muss jetzt die Starke sein, wenn alle anderen …“ Aber nein, ich darf mich auch mal mies fühlen und darf das auch den Kindern zeigen: „Mir gehts heute auch mau. Sollen wir einfach mal was Gemütliches miteinander machen?“ Wenn sie sehen, dass Papa und Mama dies und das machen, wenn es ihnen schlecht geht, hilft ihnen das, ihre eigenen Gefühle besser zu akzeptieren: „Ich darf auch mal schlecht drauf sein.“
Wie unterstützen eure Kinder euren Dienst durch ihr Dabeisein?
Daniel: Wenn vier weiße blonde Jungs durch die Straßen rennen mit ihren beiden weißen Eltern, das allein sorgt für Aufsehen. Dann fangen die Thai an, zueinander zu sagen: „Guck mal, da sind vier weiße Kinder!“ Inzwischen verstehen wir, was sie sagen, und antworten ihnen gern. Dann sind sie begeistert, dass wir sogar Thai sprechen; so kommt man ganz schnell ins Gespräch: Warum sind wir hier, was machen wir … und können Brücken bauen. So unterstützen die Kinder uns ganz einfach durch ihre Anwesenheit. Auf dem Spielplatz sind sie natürlich die Magnete: Wenn unsere Kinder auf den Spielplatz kommen, dann sind ganz schnell zehn andere Thai-Kinder da und dann spielen alle miteinander. Das ist ein super Türöffner. so können wir Kontakte knüpfen.
Wir haben gesagt, dass wir als Familie dienen – wir haben nicht diese klassische Prioritätenliste „Zuerst kommt meine Familie, dann meine Gemeinde oder mein Job und drittens“ und so weiter; wir haben von vornherein gesagt: „Wir als Familie, wir dienen dem Herrn.“ Natürlich sieht das in den einzelnen Lebensphasen unterschiedlich aus. Manchmal muss man sich ein bisschen speziell um die Familie kümmern; aber auch, wenn wir uns mal nur um die Familie kümmern, auch das ist wieder Dienst für Gott! Denn das zeigt nach außen: Familie ist wichtig! Wenn die Familie nicht läuft, läuft der Dienst auch nicht rund.
Weil wir als Familie ein Team sind (plus natürlich die Leute in Deutschland, die gehören zum erweiterten Team) … Also, die Kinder gehören genauso zum Dienst und manchmal kümmern wir uns besonders um sie und um uns als Familie, damit wir dienstfähig bleiben.
Delia: Die Kinder lernen: Oh, wir dürfen Mama und Papa helfen, Jesus will uns jetzt schon gebrauchen! Wenn sie sagen: „Du, Mama, ich hab einen Freund auf dem Spielplatz, kann ich den mal einladen?“, dann unterstütze ich das; „Ja, und komm, wir beten gleich für dieses Kind.“ Das ist dann ihr Dienst – und sie erleben: Mama und Papa unterstützen mich! So unterstützen wir uns gegenseitig, sie unterstützen ja auch unseren Dienst.
Wie vermittelt ihr euren Kindern altersgerecht und je nach Persönlichkeit, dass sie wertvoll sind?
Delia: Unser Werkzeug ist „Die 5 Sprachen der Liebe für Kinder“. Wir haben jetzt eingeführt, dass wir beim Schlafengehen uns bewusst wirklich Zeit nehmen für jedes Kind. Ich sage dann; „Erzähl mir doch das Allerbeste vom Tag. Zuerst das Schlechteste, dann das Beste“ – also, mit dem Guten abschließen. Und dann: „Wofür wollen wir zusammen beten?“ In diesem Gebet versuche ich ganz bewusst, Gott Danke zu sagen für dieses Kind. Anfangs meinte unser Zweiter dazu: „Mama, meinst du das wirklich, was du da gesagt hast? Stimmt es wirklich, bin ich wirklich ein Geschenk?“, oder: „Bin ich wirklich wertvoll?“ Jetzt guckt er mich immer an und sagt nach dem Gebet: „Danke, Mama!“ Daran merke ich: Das haben sie zwar schon öfter gehört; und so langsam stärkt das auch ihr Herz, dass sie das gehört haben. Und ich sage das nicht nur einfach so, ich sage es zu Gott! Ich sage es Gott, wie wunderbar mein Sohn ist, wie wichtig er für unsere Familie ist. Letztens habe ich gebetet, dass ich das so mutig fand, dass er das Kind angesprochen und ihm geholfen hat. Ich versuche ganz bewusst, ins Gebet mit hineinzunehmen, was dieses Kind auch in seinen Aufgaben Wertvolles tut für uns als Familie, für uns als Team. Das hat richtig viel verändert! Klar, das hatte ich schon früher gemacht, mit Daniel zusammen oder vor den anderen Kindern; aber jetzt, seit ich das mit dem Kind allein mache, verändert sich viel.
Daniel: Das ist die Herausforderung bei vier Kindern, jedem einzelnen zu vermitteln. Man kann natürlich mal sagen: „Wir zeigen euch, dass ihr wertvoll seid; wir machen euer Lieblingsessen oder wir schauen gemeinsam eine Fernsehsendung – was sie eben gern machen. Aber es braucht auch die Zeit des Alleinseins mit dem Kind. Das kann etwas so Einfaches sein wie das Gute-Nacht-Sagen; oder wir nehmen uns Zeit und gehen kurz einfach nur einkaufen allein mit dem Kind. Allein mit Papa im Auto sitzen und den Einkaufswagen schieben!
Ein wichtiger Punkt ist, die Kinder einzubeziehen und sie nicht vor vollendete Tatsachen zu stellen.
Daniel und Delia
Habt ihr hilfreiche Familienrhythmen oder Traditionen, die euch im Umbruch begleiten?
Daniel: Wichtig ist, die Kinder miteinzubeziehen und sie nicht vor vollendete Tatsachen zu stellen. Wir sagen nicht einfach: „Wir ziehen jetzt um“, sondern: „Hey, wir beten gerade und fragen Gott, wo wir hinziehen sollen.“ Wenn es dann so weit ist, nehmen wir uns Zeit für den Abschied – sich verabschieden, Abschied nehmen, Loslassen.
Das bedeutet bei uns ganz praktisch: Wir gehen durchs Haus und sagen dem Haus „Tschüss“ – dem Platz, an dem ich geschlafen habe, zum Beispiel. Das sind kleine, banale Sachen, aber sie helfen diesem Kind, damit abzuschließen.
Delia: Beim Umzug gehen wir zuletzt noch einmal durch das leere Haus – das haben wir zum Beispiel gemacht, als wir aus unserer Wohnung in Deutschland ausgezogen sind –, damit die Kinder begreifen: Das Haus ist wirklich leer, es ist nicht mehr unseres. Sie haben dann auch den Schlüssel abgegeben. Natürlich gab es dabei auch Tränen, auf jeden Fall; aber es hat den Kindern trotzdem geholfen zu sehen: Da ist nichts mehr. Früher haben wir oft gehört: „Wann fahren wir zurück, wann fahren wir zurück?“ Das haben wir dieses Mal von unseren Kindern gar nicht gehört; sie wussten: Da ist nichts mehr, aber das Wichtigste haben wir mitgenommen. Wir haben mit den Kindern den Koffer gepackt und sie packen selber ihre wichtigsten Sachen ein, was den Übergang erleichtert. Natürlich haben wir ganz zuletzt noch mal alles abgewogen; aber wir haben es mit ihnen zusammen besprochen: „Was ist das Allerwichtigste, was würde eurem Herzen wehtun, es hierzulassen? Was kann mit, wenn wir noch Platz haben – und was können wir euren Cousins und Cousinen geben, damit ihr, wenn ihr in Deutschland seid, damit spielen könnt; und was kann zu ganz fremden Kindern?“ Das haben wir nicht alles auf einmal gemacht, wir haben uns am Tag eine Kiste vorgenommen und sind sie so durchgegangen. Klar, bei manchem wusste ich das schon selber; aber es hat ihnen geholfen, dass ich sie mit einbezogen habe.
Daniel: Es sind auch echte Kleinigkeiten im Alltag – wir haben einen Tag, aktuell ist es der Samstag: Nach der letzten Unterrichtsstunde gibt es zum Mittagessen Pommes mit Bockbratwürstchen, das kann man hier in Thailand kaufen, und dazu schauen wir eine Folge der Sendung mit der Maus, damit sie den Bezug zu Deutschland nicht ganz verlieren und auch etwas haben in ihrer Sprache, was nicht emotional aufreibend ist, was spaßig ist, wo sie was lernen können. Solche Traditionen sind hilfreich.
Delia: Das haben wir schon in Deutschland gemacht, immer nach dem Gottesdienst; jetzt führen wir das einfach weiter. Das ist unser Start ins Wochenende; damit wissen sie: Es ist wieder eine Woche geschafft und es fängt was Neues an – eine neue Chance.
Wie habt ihr die akademische Seite für eure Kinder geregelt? Passt „one size fits all“ – alle über einen Kamm scheren?
Daniel: Aktuell genießen wir die Deutsche Fernschule – das gibt uns eine ganz große Flexibilität. Wir wissen noch nicht, in welche Stadt wir gehen; dank Fernschule können wir auch selber entscheiden, wann wir Ferien machen. Und natürlich sind wir dadurch auch nicht darauf angewiesen, in eine Stadt zu ziehen, wo es eine deutsche Schule gibt oder eine internationale Schule; es ist egal, wo wir hingehen, wir können ihnen eine gute Schulbildung mitgeben.
Delia: Jetzt, gerade am Anfang, haben wir uns bewusst für die Deutsche Fernschule entschieden. Unsere Kinder haben viel Englisch gehört, aber Englisch gesprochen haben sie noch nie. Deshalb haben wir gedacht: Jetzt ist alles neu – und dann noch auf eine Schule, wo Englisch oder nur Thai gesprochen wird, das wäre für unsere beiden Jungs einfach zu viel geworden. Deshalb haben wir gesagt: Wir machen jetzt erst mal die Deutsche Fernschule und halten uns das offen; vielleicht kommt irgendwann eine internationale Schule oder eine Thai-Schule in Betracht, aber das entscheiden wir für jedes Kind individuell: Wie gut kann es Thai und Englisch, so in ein, zwei Jahren; wie ist ihre Persönlichkeit? Unsere zwei Jüngsten, die würden das vermutlich gut packen mit der Sprache, aber das dauert ja noch ein, zwei Jahre; das entscheiden wir, wenn es so weit ist. Fürs Erste haben wir uns für die Fernschule entschieden.
Wie geht ihr um mit den Ängsten und Zweifeln, der Vorfreude oder Wut eurer Kinder?
Daniel: Uns hat sehr geholfen, wenn die Emotionen hochsteigen, dass wir dem Kind die Möglichkeit zu geben, allein zu sein. Am Abendessen können wir den Tag reflektieren und manchmal eine passende Bibelgeschichte erzählen und ihm zeigen: „Du bist nicht der Einzige, der so fühlt.“ Oder dass wir zeigen: Auch Jesus ist öfter umgezogen, das fiel ihm auch nicht leicht – oder Mose oder andere Leute in der Bibel; und dann fragen wir: Was können wir davon lernen? Wir beten aber auch gemeinsam. Und wir haben ihnen immer deutlich gemacht, dass sie hier im geschützten Rahmen der Familie sagen und auch zeigen dürfen, was mit ihnen los ist.
Natürlich gibt es dabei Grenzen – wenn ich wütend bin, darf ich nicht alles kurz und klein schlagen; aber dafür gibt es den Boxsack, da dürfen sie einfach draufhauen, so viel sie wollen, dem tut es nicht weh. Sie müssen wissen: Hier darf ich mal sein, wie ich bin.
Delia: Wir versuchen ganz bewusst, Gefühle zuzulassen; wir sagen ihnen: „Lasst eure Gefühle raus, kommuniziert die Gefühle. Wenn ihr gerade nicht wisst, warum, das ist nicht schlimm; ich weiß ja manchmal auch nicht, warum ich gerade traurig bin. Manchmal fühlt man sich einfach nur so.“ Aber wir wollen ihnen die Möglichkeit geben, es herauszulassen.
Daniel: In der Regenzeit gibt es hier die schweren Gewitter, zwei Stunden lang blitzt und donnert es und die Jungs wachen in der Nacht auf, weil es so laut donnert. Dann sagen wir einfach: „Guck mal, Gott macht gerade Fotos und er hat gesagt, du postest! Da war jemand, der gerade nicht schön gepostet hat, also kam der Donner, um ihn zu erinnern – lächle doch einfach mal.“ In solchen Situationen kann man die Perspektive ändern und fragen: „Wovor hast du wirklich Angst, ist es das Unbekannte?“ Mit ein bisschen Humor kann man das auflockern.
Wenn ihr umzieht, was verbraucht viel Zeit? Und wo würdet ihr gern mehr Zeit investieren?
Daniel: Etwas mehr Zeit fürs Abschied nehmen! Ja, man schiebt das immer gerne auf den letzten Drücker. Das habe ich mir jetzt vorgenommen – wir haben es uns vorgenommen –, uns wirklich Zeit zu nehmen fürs Verabschieden.
Delia: Jemand hat gesagt – viele sagen: „Ich will euch noch nicht ‚Tschüssʻ sagen, das macht die Trennung so real.“ Das verstehe ich total, aber man verdrängt es auch und dann, kurz vor dem Umzug, wird es stressig; jeder will dich noch mal sehen und dann musst du sagen: „Sorry, wir können nicht.“ Und dann sind auch die Kinder so emotional … Aber wir haben wirklich früh angefangen zu packen, immer wieder mal was; ich meine, ich hätte ein Jahr vorher angefangen: Immer wieder mal ein bisschen was weg.
Daniel: Wir hatten in Deutschland aber auch noch die drei Monate Übergangszeit.
Delia: Ja, und das war sehr gut. Aber dass man wirklich bewusst „Tschüss“ sagt, oder bewusst noch mal so eine letzte schöne Erinnerung schaffen oder Fotos machen mit den Leuten – das ist dann schon auch untergegangen. Kurz vor dem Flug will jeder noch mal „Tschüss“ sagen, aber da hat man gar nicht mehr den Kopf dafür, man ist mit den Gedanken irgendwie schon bei Koffer und Kind und was weiß ich. Also dieses bewusste Verabschieden gerade von engen Freunden und auch von der Gemeinde: Nicht alles „auf dem letzten Drücker“!
Gibt es eine lustige Begebenheit, die ihr uns berichten könnt, einfach kulturell oder sprachlich bedingt?
Delia: Mir fällt gerade das ein von unserem Jüngsten. Er ist drei und spricht Englisch, Thai und Niederländisch, je nach Kind und Situation, und manchmal schlägt die Sprachenverwirrung zu.
Aber er hat jetzt so seine Taktik entwickelt: Neulich sprach unsere Lehrerin ihn auf Englisch an, er antwortete nur auf Thai. Sie wollte aber unbedingt, dass er Englisch spricht. Da guckt er mich an: „Mama, sie ist Thai, sie soll Thai sprechen.“ Das fand ich wirklich lustig.
Zwei Tage später telefoniere ich mit meinem Bruder und er sagt: „David, erzähl mir mal, was kannst du denn schon auf Thai?“ Er guckt ihn an und sagt: „Wozu? Du verstehst das doch sowieso nicht.“ Er hat jetzt also seinen Weg gefunden, Sprachen zu trennen: Du siehst wie Thai aus, du musst Thai sprechen. Du siehst wie ein Weißer aus, du kannst Englisch mit mir sprechen, aber nicht Deutsch, Deutsch ist nur für Mama und Papa.
Daniel: Die Kinder leisten extrem viel und sind auch extrem intelligent: Es ist faszinierend, wie die Kinder miteinander spielen, obwohl sie die Sprache des anderen nicht verstehen.
Wenn ich beobachte, wie unsere Kinder Spiele entwickeln mit den Thai-Kindern – alle verstehen die Regeln, die Deutschen und die Thai, ohne richtig miteinander zu sprechen.
Delia: Die Thai können nämlich gar kein Englisch.
Daniel: Und sie haben trotzdem Spaß miteinander: Auf dem Spielplatz haben sie Räuber gespielt, sie mussten Münzen sammeln; unsere Jungen haben herausgefunden, was denn die Münzen sind, sie konnten zuordnen, wer die Polizei ist, wer die Räuber sind, wie sie sie fangen und wie sie wieder aus dem Gefängnis herauskommen.
Delia: Wir waren den ganzen Tag dort. Ich habe mir das nur angeguckt und habe gar nichts begriffen; aber von den Kindern wusste jeder, was da abging und wer was wie zu tun hatte. Ich war echt platt!
Daniel: Erstaunlich, wie Kinder trotz der Komplexität einen Weg bahnen und zusammenfinden. Natürlich haben nicht alle diese Kulturgeschichten ein Happy-End.
Wenn eines sagt: „Mama, komm, wir gehen weiter, hier will ich nicht bleiben. Ich mag diese Person nicht“, dann sollen sie lernen: Gut, dieser Mensch, das war nicht okay; aber deshalb wollen wir nicht alle Thai über einen Kamm scheren. Wir sagen: „Da gibt es doch diesen oder jenen Thai oder freundlichen Ami oder Holländer oder Deutsche, egal welcher Nationalität – gib also trotzdem noch mal eine Chance.“
Delia: Und diese Offenheit, die die Kinder haben – also, ich kann da echt viel lernen! Ich bin oft zu schüchtern oder denke: Oh Delia, dein Thai ist noch nicht gut genug, sag lieber nichts. Aber die Kinder mit ihrem gebrochenen Englisch, gebrochenen Thai gehen auf fremde Leute zu und sagen: „Hallo!“, oder fragen sie, wie es ihnen geht!
Habt ihr eine Sammlung der Erfahrungen, wofür ihr dankbar seid, einen Schatz, den die Kinder durch die vielen Kultur- und Sprachwechsel mitnehmen?
Daniel: Unsere Kinder tragen die Hoffnung, sie verkündigen Jesus. Sie zeigen den Leuten praktisch: Jesus hat sich nicht versteckt, sondern ist auf die Menschen zugegangen. Sie sind wortwörtlich Hoffnungsträger! Sie zeigen: Da ist jemand, der mit dem anderen lieb umgeht. Man muss nicht immer gleich schlagen. Ich habe auch Hoffnung für unsere Kinder und sehe, wie das kleine Pflänzchen wachsen darf. Sie kommen nicht nur in Deutschland klar, sondern lernen Strategien, wie sie in anderen Umgebungen zurechtkommen. Und ich habe Hoffnung, dass sie diesen Weg weitergehen, eines Tages auch ohne Mama und Papa.
Delia: Für mich ist das einfach schön zu sehen. Schon, bevor sie hierher kamen, wussten sie: Wir gehen hier hin, weil viele Thailänder nie von Jesus gehört haben. Wir gehen hin, um es ihnen zu sagen, um ihnen Hoffnung auf den Himmel zu geben. – Gerade an den beiden Großen ist das schön, wie sie darüber sprechen und es leben. Besonders schön ist es, abends zu hören, wie sie für Thailänder beten und sich wünschen, dass auch hier Menschen Jesus kennenlernen – und man spürt, wie ernst es dem Kind damit ist: Es tut ihm weh, dass seine Freunde hier Jesus nicht kennen. Das ist nicht nur in Thailand so; schon in Deutschland haben sie gesagt: „Mama, Papa, wir wollen hier nicht weg. Aber dann ist in Thailand keiner, der den Menschen von Jesus erzählt.“
Daniel: In Thailand ist wirklich „keiner“. Wir befassen uns zurzeit mit einer Stadt, die hat über zwei Millionen Einwohner; aber wir wissen von dem Missionswerk, mit dem wir hier zusammenarbeiten, von nur einer Familie, die dort arbeitet. Wir haben von vielleicht fünf Gemeinden gehört (eine Gemeinde hat zehn Leute). Wir achten darauf, unsere Kinder nicht zu schieben, sondern ihnen einfach nur die Liebe Jesu näherzubringen. Dass sie von sich aus gesagt haben: „Wir wollen hier in Deutschland bleiben; aber weil keiner da ist, der ihnen vom Heiland erzählt, bin ich bereit, hinzugehen und von Jesus zu erzählen. Ich will ihnen das erzählen!“ – das haben sie gesagt, ohne dass wir sie geschoben hätten.
Delia: Diese Äußerungen haben uns sehr ermutigt, es war eine Bestätigung für unseren Weg und wir haben gesehen: Wir machen nicht alles richtig, aber unsere Kinder haben verstanden, was das Wichtigste ist – Jesus und dass noch viele Menschen ihn kennenlernen können. Das gibt uns Hoffnung, auch wenn es uns mal schwerfällt oder wenn wir denken: Was machen wir hier eigentlich?! Wir sehen: Unsere Kinder haben es begriffen, unsere Kinder wissen und verstehen es! Natürlich sind sie auch mal traurig, dass Oma und Opa nicht hier sind; natürlich sind sie mal traurig, dass sie nicht auf eine deutsche Schule gehen – aber wenn sie das abwägen würden, würden sie sich jedes Mal für Thailand entscheiden und das ist etwas richtig Schönes! Das gibt uns Hoffnung und bestätigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Habt ihr zum Schluss noch eine besondere Ermutigung für Eltern in der Mission?
Delia: Bei all den Umbrüchen, dazu noch mit den Kindern, haben wir gemerkt, dass Daniel und ich uns auch um uns selber kümmern müssen – ich mich um Daniel, er sich um mich, aber jeder auch einzeln für sich. Einmal in der Woche fährt Daniel für ein, zwei Stunden ins Café, nimmt seine Bibel mit oder er trifft sich mit Freunden, um geistig und emotional aufzutanken, macht Männerhauskreis. In dieser Zeit mache ich ganz bewusst nichts anderes, als mit den Kindern zu spielen und das zu tun, worauf sie gerade Lust haben; der Partner kümmert sich derweil um sein geistliches Leben. Und umgekehrt: Einmal in der Woche gehe ich allein weg. Nicht lange – mal ist es länger, mal ist es kürzer, wie wir es gerade brauchen. Manchmal setze ich mich für eine Stunde ins Café mit meiner Bibel und habe einfach nur Zeit für mich und Ruhe und muss nichts anderes machen. Manchmal werden auch drei, vier Stunden daraus; auch das darf sein, der Partner ist dann für die Kinder da und so kann jeder auftanken. Das hilft sehr, Emotionen zu bewältigen – je ruhiger man selber ist, umso besser kann man dann auch den Kindern helfen. Lange dachte ich: Ich muss für die Kinder da sein! Aber dann kommt man ganz schnell an einen Punkt, dass man merkt: Ich kann nicht mehr! Wenn man selber nicht auftankt, hat man keine Kraft. Das mussten wir lernen und das hat uns sehr geholfen.
