Es braucht den ganzen Leib
Kinder sind ein Segen. Sie bringen Lachen und Leben und eine Prise Chaos, wo immer sie leben mit ihrer Energie und ihren Hoffnungen und Träumen. Wie es den Kindern einer Gesellschaft geht, das kann auch ein Spiegel sein dafür, welche Vorstellung von Identität die Gesellschaft hat und was ihr wichtig ist. In unserem fünfzehnköpfigen Team in Marseille haben wir auch zwei Familien und vier Kinder unter fünf Jahren. Dafür bin ich überaus dankbar; denn, um Gottes Königreich auf Erden zu bauen, braucht es den ganzen Leib Christi. Wir brauchen alte und junge, kleine und große Menschen. Wir brauchen Kinder, Mütter, Väter, Singles und Großeltern.
Die Frage bleibt: Welche Rolle kann ich als alleinstehende Frau spielen in einem Umfeld mit jungen Familien und kleinen Kindern? Eigentlich liegt das schon fast im Wort: Es geht nämlich darum, nicht „allein“ zu stehen und auch die Familien um mich herum nicht „allein“stehen zu lassen.
Als Team in der Mission haben wir alle unsere Heimat verlassen und eine mehr oder weniger lange Reise auf uns genommen dorthin, wo wir jetzt leben. Für die Familien in unserem Team bedeutet das, dass die Großeltern und andere Verwandte weit weg sind; deshalb liebe ich es, als Teil unserer Gemeinschaft Freundschaften zu leben mit den Einzelnen in den Familien, aber auch mit den Familien als Ganzes. Daraus entsteht ein „Gemeinsamstehen“, das eben niemanden alleinstehen lässt, ein „Gemeinsamstehen“, das den Einzelnen in die Gemeinschaft einlädt und miteinbezieht und in dem die Einzelnen die Familien bereichern.
Für mich konkret kann das heißen, dass ich anbiete, auf die Kinder aufzupassen, um den Eltern einen freien Abend zu schenken. Es heißt aber auch, dass wir die Kinder ernst nehmen und dass sie Wichtiges beitragen zu der Gemeinschaft am Tisch und im Zusammensein und dass Rücksicht genommen wird auf die unterschiedlichen Bedürfnisse im Team.
Wenn wir auf diese Art und Weise zusammenkommen, gibt das einen Einblick, wie das Leben vor beinahe zweitausend Jahren in der ersten Gemeinde gewesen sein muss: „Tag für Tag kamen die Gläubigen einmütig im Tempel zusammen und feierten in den Häusern das Abendmahl. In großer Freude und mit aufrichtigem Herzen trafen sie sich zu den gemeinsamen Mahlzeiten“ (Apostelgeschichte 2,46). Eine Gemeinschaft wie diese macht über alle Worte hinaus Menschen stutzig und schenkt einen Blick auf das Königreich Gottes.
In unserem Team darf ich das immer wieder erleben durch die Begegnungen mit den Nachbarn. Wir leben und arbeiten in einem herausfordernden Viertel in der Innenstadt von Marseille. Viele Menschen um uns herum leben in Einsamkeit oder Überforderung und oftmals auch in Dunkelheit ohne die Gewissheit der Liebe Jesu zu ihnen, ohne eine Beziehung zu Gott dem Vater. Dank der Gemeinschaft, die wir haben, können wir diese Leute zu uns einladen, wir können unsere Türen öffnen und Anlaufstelle sein. Oftmals merken zuerst die Kinder, dass da Friede ist, dass etwas anders ist; sie werden von unserem Miteinander angezogen – es seien es die Kinder, die um unseren Platz rennen und dann bei uns hereinplatzen, oder Kinder, die mit ihren Eltern neben dem Eingang stehen und neugierig hineinschauen und ihre Eltern hereinziehen. Vor einigen Wochen kam ein Mädchen, das nach dem Abendessen durch die Tür das bunte Treiben gesehen hatte, mit ihrem Papa vorbei. Wir hatten sie noch nie gesehen; irgendetwas an unserer Gemeinschaft muss sie angezogen haben, sie wollte gar nicht mehr gehen.
Manchmal denke ich, dass die Kinder uns in dieser Hinsicht vieles voraushaben: Sie sind so sensibel für Schönheit und Frieden und oftmals sehr mutig, diese Orte zu erkunden und zu suchen. Damit tragen sie für mich ganz klar die Hoffnung auf eine Generation, die sich nach Jesus ausstreckt. Wir dürfen dabei eine Gemeinschaft gestalten, in der alle Teile des Leibes zusammenstehen und einander ermutigen und bestärken. Es ist mir eine Freude, in meiner Arbeit und in meinem Leben in der Mission bereits einen Teil davon zu sehen.
Elisa
