Eine Mischung aus beiden Welten
Manasseh, Du musstest in Ruanda während des Völkermords 1994 mit 12 Jahren Dein Zuhause verlassen. Wie hast Du diese furchtbare Zeit erlebt bzw. überlebt?
Es war der schlimmste Schmerz und ein Trauma zu denken, dass man jederzeit getötet werden kann. Immer wieder kam ich direkt mit dem Tod in Berührung, aber Gott war deutlich spürbar. Wie durch ein Wunder hat meine ganze Familie überlebt, aber leider haben wir viele Verwandte und Freunde verloren. Als unser Land befriedet war, konnte ich zur Schule gehen und von der Zukunft träumen – das kann nur Gott tun. Als Familie haben wir alles verloren, aber der Glaube an Jesus ist geblieben.
Catrin, Du bist in Deutschland aufgewachsen und hast die ersten „Zwischen Welten“-Erfahrungen mit Anfang 20 gemacht…
Genau. Kurz vor dem Abschluss meiner Ausbildung zur Erzieherin habe ich auf einer Konferenz Missionare aus Sambia getroffen, die sagten: „Wir brauchen Leute für zwei Community Schools.“ Bei der Abschlussveranstaltung gab Gott mir den Vers: Heute, wenn ihr meine Stimme hört, verstockt eure Herzen nicht (Hebr 3,7). Da wusste ich: Jetzt geht‘s los. Nach einem heftigen Kulturschock am Anfang wurde Sambia für 6 Jahre mein Zuhause und die Arbeit in den Community Schools ein Herzensanliegen. Meine Welt wurde so viel größer, als ich sie bisher kannte.
Wie und wo hat Gott Eure beiden Welten zusammengeführt?
Wir haben uns 2014 in England am All Nations Christian College kennengelernt und gemerkt, dass wir dasselbe Anliegen teilen: die Arbeit mit Geflüchteten. Manasseh hat das schon lange beschäftigt und ich habe darüber, bewegt durch die Flüchtlingskrise 2015, meine Bachelor-Arbeit geschrieben. Von England sind wir gemeinsam nach Ruanda gegangen, wo unzählige Menschen durch den Genozid Fluchterfahrungen in sich tragen. Im Dekanat Kigali hat Manasseh als Pastor gearbeitet, andere Pastoren ausgebildet und Kinder- und Jugendarbeit gestartet, während ich im Bildungsbereich des Dekanats für Gemeinde-Kindergärten und Schulen zuständig war.
Als Familie haben wir alles verloren, aber der Glaube an Jesus ist geblieben, wir haben immer zusammen gebetet.
Euer Fokus lag da noch nicht auf Geflüchteten – das kam 2020, als Ihr plötzlich nach Deutschland musstet. Was war passiert?
Unser Dienst in Ruanda lag uns sehr am Herzen und wir waren voll in Projekten, als bei unserer zweiten Tochter ein Herzfehler festgestellt wurde. Es war schmerzhaft, alles hinter uns zu lassen, aber wir waren dankbar, dass unsere Tochter in Deutschland operiert werden konnte und sich gut entwickelt hat. Darüber hinaus sahen wir es als Gottes Führung an, als sich für Manasseh zwei Dienststellen in meiner alten Heimat in Hessen auftaten, die genau nach Menschen mit unserer Berufung suchten.
Manasseh, Du warst noch am Deutsch lernen, als Du als Pastor in einer Ortsgemeinde angefangen hast. Da bist Du quasi ins kalte Wasser gesprungen …
Ja, ich musste schnell schwimmen lernen. Allerdings stand die Gemeinde von Anfang an voll hinter mir und hat mich in allem sehr unterstützt. Zudem waren Catrins Eltern, Familie und alte Freunde von ihr große Stützen beim Ankommen. Deutsch ist meine 5. Sprache – in der Corona-Zeit habe ich viele Online-Sprachkurse belegt.
Du bist zu 50 % Pastor, die anderen 50 % verbringst Du mit Geflüchteten. Wie kommst Du mit diesem „Spagat“ zurecht?
Erstaunlicherweise passen die Dienste super zusammen. Beim Kairos Projekt arbeite ich mit englischsprachigen Geflüchteten insbesondere aus Afrika, die uns als Brücke zur deutschen Gesellschaft und zu deutschen Gemeinden sehen. Sie schätzen es, einen afrikanischen Pastor unter sich zu haben, der sich mit ihren Schwierigkeiten identifizieren und ihnen auf ihrem geistlichen Weg helfen kann.
Andererseits betet unsere Gemeinde vor Ort für unseren interkulturellen Dienst. Der Weg der Geflüchteten mit Gott und ihr Zeugnis sind eine Ermutigung für die deutsche Gemeinde. Weil das Zeitmanagement sehr herausfordernd ist, haben wir für jeden Dienst bestimmte Tage festgelegt. Montag ist unser Ruhe- und Familientag.
Wann ist für Euch das „Zwischen-Welten-sein“ besonders spürbar?
Wenn wir ein wichtiges Familienereignis in Ruanda verpassen oder unsere Kinder sich nicht mit ihrer ruandischen Oma verständigen können. Aber auch in Deutschland fühlen wir uns zwischen Welten im Kontakt mit den Geflüchteten, deren Perspektiven, Sorgen und Alltagsabläufe sehr anders sind. Manchmal kommt uns die 27 km lange Fahrt von der Flüchtlingsarbeit zu unserem Heimatdorf wie ein Umzug von Afrika nach Europa vor. Es fordert uns heraus, das Leid und die Armut der Migranten mit dem Leben in Deutschland in Einklang zu bringen. Aber dadurch lernen wir, dankbar zu sein für scheinbar Selbstverständliches, wie z. B. das Recht, in Deutschland zu leben.
Welche „Werkzeuge“ habt Ihr für Euch im interkulturellen Leben entwickelt?
Sprachen zu lernen und gute Beziehungen in die Gesellschaft hinein zu bauen, war immer unser Wunsch im interkulturellen Dienst. Unseren Kindern hilft es, dass Manasseh Deutsch spricht. Wir versuchen, viel Zeit mit unseren Kindern zu verbringen, in sie zu investieren und Gott erfahrbar zu machen. Wenn wir mit unseren Kindern nach Ruanda reisen, können sie ihre Cousins und Cousinen sehen und etwas über die Kultur und ihre Wurzeln erfahren. So bekommen sie Weitblick und Offenheit gegenüber anderen Menschen, Kulturen und Sprachen. Auch zu teilen ist uns wichtig, da Manasseh und ich viel Armut in Afrika erlebt haben. Seitdem ist tief in uns verankert, dass man auch abgibt.
Ist bei Euch nach 3,5 Jahren in Deutschland noch ein Sehnen in Richtung Ruanda da?
Es hat 3 Jahre gebraucht, um in Deutschland anzukommen. Wir sind dankbar für unser Zuhause und die Dienste, in die Gott uns stellt. Für uns war wichtig zu erkennen, dass wir keine typisch deutsche und auch keine typisch afrikanische Familie sind. Wir sind eine Mischung aus beiden Welten und wollen das Beste aus beiden Kulturen vereinen – als Familie und im Dienst. Das Sehnen nach Ruanda und Afrika bleibt; es ist ein Teil von uns und es ist immer schön, auf afrikanischem Boden zu sein.
