Ein hoffnungsloser Fall?
„Was hast du eigentlich gedacht, als wir deine Straßenbande unter der Amerikabrücke besucht, euch Frühstück gebracht und von Gott erzählt haben?“, frage ich den Ex-Drogenhändler Marco. „Als ich euch damals sah, war ich sehr wütend und wollte euch verprügeln“, erzählt dieser. Auf die Frage, warum er uns nicht schlug, antwortet er: „In dem Moment, als ich euch etwas antun wollte, spürte ich, wie mich ein Unsichtbarer festhielt, und ich konnte mich nicht bewegen. Heute weiß ich: Das war Jesus.“
Über zehn Jahre lang haben wir Marco begleitet und ermutigt in der Rehabilitation. Es war ein sehr schwerer Weg mit unzähligen Rückfällen, in einer solchen Zeit rief er Juan an und drohte, uns umzubringen. Wir stellten uns und unsere Kinder unter Gottes Schutz. Marco durchlief drei Rehazentren, machte eine Ausbildung, ging zur Bibelschule – und immer wieder brach er ab oder wurde hinausgeworfen. Nach einem Suizidversuch mit Rattengift konnte Juan ihn gerade noch rechtzeitig zum Krankenhaus bringen; er versicherte ihm: „Jesus ist der Einzige, der dich frei machen kann.“
Als letzte Chance vermittelte Juan ihm einen Platz in einem christlichen Rehazentrum in Sucre, was Marco zunächst ablehnte – nicht zuletzt deshalb, weil Sucre weit weg ist; aber irgendwann war er doch dazu bereit und ging hin. Dort kam er immer wieder an seine Grenzen und hatte schwer zu kämpfen.
Gott war Marco gnädig – heute ist Marco verheiratet und hat drei Kinder, er ist Pastor einer kleinen Gemeinde in Sucre und schreibt Lobpreislieder. Mit seinem Team besucht er Straßenbanden in der Stadt und bezeugt ihnen: „Für Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle!“
Es gäbe noch viel darüber zu berichten, wie Gott durch die Straßen- und Reha-Arbeit Leben verändert; für Juan und mich ist die Seelsorge an diesen Menschen Freude und Herausforderung zugleich. Wir begleiten auch Kinder und Jugendliche, deren Eltern auf der Straße gelebt haben oder im Gefängnis sind, seelsorgerlich und unterstützen sie für ihre Schul- bzw. Ausbildung.
Hoffnung säen in den Bergdorfschulen
Man könnte eine Stecknadel fallen hören, wenn unsere Mitarbeiterin Yesmi im Unterricht anhand des „Buchs ohne Worte“ von Jesus erzählt. Im kalten Klassenzimmer sitzen 25 Kinder in dürftiger und obendrein feuchter Kleidung; viele waren bis zu zwei Stunden auf steilen Pfaden im dichten Nebel unterwegs, bis sie an der Dorfschule in Peñas auf 4200 m Höhe angekommen sind. Das ist eine der 15 Schulen, wo unser Team Christliche Werte und Englisch unterrichtet.
Beeindruckend, wie begeistert und aufmerksam die Kinder zuhören! Als Yesmi erklärt, dass Jesus alle Schuld und alles Leiden auf sich genommen hat, wird sie von einem lauten Schluchzen unterbrochen: „Mein Papa ist sehr krank, kann Jesus ihm helfen?“, stößt Tobias hervor. Daraufhin beginnt auch die neunjährige Luz zu weinen: „Mein Papa ist im Gefängnis, ich bin so traurig.“ Yesmi nimmt die Kinder in den Arm und betet mit ihnen.
Die Kinder aus den abgelegenen Bergdörfern haben tiefe innere Nöte – es ist erschreckend, wie viele Kinder und Jugendliche in der Familie körperlicher, emotionaler und sexueller Gewalt ausgesetzt sind und wie wenig Selbstwertgefühl sie haben. Unsere Kinderseelsorgerinnen Yesmi und Deysi betreuen die Kinder, die ihr Leben Jesus anvertraut haben, einzeln, darunter auch Tobias und Luz. Bewegend, wie Gottes Liebe die Herzen dieser Kinder anrührt und heilt! „Ein hoffnungsloser Fall“? Nicht für Jesus!
