Dazwischen

Im April dieses Jahres ging für uns als Familie eine Zwischenzeit zu Ende, wie wir sie uns nie wieder wünschen: Acht Monate lang mussten wir als Familie getrennt auf zwei Kontinenten leben – unsere Jungs und ich (Judith) im vermeintlich sicheren Deutschland und Elijah und unsere erwachsenen Mädchen (Pflegetöchter) zu Hause im gefährlichen Nigeria, wo gerade die spannungsreichen Präsidentschaftswahlen durchgeführt wurden und die Angst vor Terror umging.

Warum es so kommen musste, diese Frage beschäftigte uns alle. Wir konnten sie nicht diskutieren, ohne der Tatsache ins Auge zu sehen, dass Papa und die Mädchen durch ihre Hautfarbe in Nigeria nicht auffallen, während Mama und die Jungs eben immer aus der Menge herausstechen und wegen dem, was man mit der hellen Haut verbindet, in besonderer Weise attraktiv sind für mögliche Entführer. Viele in Deutschland konnten das nicht verstehen: Unsere Jungs würden doch mit ihrer dunkleren Hautfarbe in Nigeria nicht auffallen? Passen sie denn nicht ins Bild des Afrikaners? Nein, so ist es nicht! Seit die Jungs wieder in Nigeria in ihrer alten Schule sind, wird ihnen mehr und mehr bewusst, dass sie immer als Fremde wahrgenommen werden. Sie seien weiß, wird ihnen gesagt. Sie sehen also auch hier anders aus. Das tut weh – wo sie doch reden wie alle anderen und wissen, wie man sich hierzulande zu benehmen hat!

Besonders sein und Weltkenntnis haben

Ich (Judith) hatte mich vor 15 Jahren bewusst für ein Leben als „Fremde“ entschieden, als ich nach unserer Hochzeit nach Nigeria zog. Unsere Kinder dagegen kennen nur dieses „Leben dazwischen“ und müssen doch selbst durch ihre eigenen Prozesse der Identitätsfindung. Was uns als Familie hilft, ist, viel darüber zu reden. Die Kinder dürfen zu Hause ihren Ärger äußern, wenn ihnen ein Lehrer ihre Identität als wahre Nigerianer abspricht, und werden darin bestärkt, dass sie sich genauso wie alle anderen „Nigerianer“ nennen dürfen. Aber sie haben eben noch ihren zweiten Pass, der besagt, dass sie auch Deutsche sind. Und sie kennen das Leben in Deutschland – nach acht Monaten nun auch in der Alltagsversion. Wir reflektieren gemeinsam über das Dazwischensein und finden, dass es etwas Besonderes ist, wenngleich uns klar ist, dass das Besonderssein in einem gewissen Alter weniger gewünscht wird. Wir sehen auch, das unsere Kinder eine große Weltkenntnis haben: Sie kennen nicht nur beide Kulturen; sie wissen, dass man auf viele unterschiedliche Weisen leben kann und dass es viele Wege und Möglichkeiten gibt. Sie kennen Menschen, die alles haben, und Menschen, die in extremer Armut leben. Sie sehen, wie auf der einen Seite des Erdballs dem Vergnügen nachgejagt wird, und auf der anderen Seite kämpft man ums Überleben. Sie wissen, dass es auf dieser Welt große Ungerechtigkeit gibt und was für eine Freude es ist, einzelnen Menschen in Not zu helfen. Sie haben die Fähigkeit des Mitgefühls und die Fähigkeit, ohne Vorurteil auf Kinder jeder Nationalität zuzugehen. Sie erleben selbst, dass das Leben hart sein kann und einem so manches abverlangt. Und sie wissen, dass auch Jesus in einem Dazwischen lebte, in seiner göttlichen Natur in einer gefallenen Welt; dass auch er aus der Menge herausstach, vieles anders machte und damit aneckte.

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