Beziehungen dürfen wachsen
„Kannst du dich erinnern, welches Haus es war?“, frage ich meine peruanische Kollegin Ana, sie ist Williams Physiotherapeutin. Ana lässt ihren Blick über die Häuser schweifen und schüttelt den Kopf: „Ich bin mir auch nicht mehr sicher.“ – „Dann laufe ich einmal vor. Ich glaub’, es ist dort oben das letzte Haus. Ich schau mal nach, damit ihr nicht umsonst hochlauft.“
Es ist der vierte Besuch bei Williams, er wurde mit knapp sechs Monaten ins Projekt aufgenommen. Hausbesuche sind ein fester Bestandteil der Arbeit von casayohana. Beim ersten Hausbesuch lernten wir die Umstände der kleinen Familie kennen und zeigten, wie Entwicklungsförderung und das Versorgen zu Hause aussehen kann. Das letzte Mal bekam Williams einen Hochstuhl, er kann jetzt nämlich sitzen; dort kann die Mutter ihm zu essen geben oder auch mal einfach hineinsetzen, wenn sie den Haushalt macht. So kann Williams das Geschehen beobachten und ist in Sicherheit.
Jetzt sind wir also erneut mit einem Team unterwegs. Auf dem Weg lasse ich meine Gedanken schweifen: „Beim ersten Mal erzählte sie uns von der unsicheren Wohnsituation; sie war verzweifelt und voller Angst. Der Vater des ersten Kindes drohte sie aus dem Haus hinauszuwerfen.“
„Wir hatten gemeinsam dafür gebetet. Herr, hast Du da geholfen?“
Oben angekommen rufe ich laut ihren Namen: „Mary, bist du da?“ – „Hermana (Schwester), wir sind hier!“, kommt die Antwort. Strahlend kommt sie zur Tür heraus und begrüßt mich herzlich. Ich winke den anderen zu: Wir sind am richtigen Haus!
Es ist schön zu sehen, dass sie die Trinkflasche nutzt, die wir von casayohana ihr gegeben haben. Der Hochstuhl ist auch noch intakt. Stolz zeigt sie uns, wie sie einen Beutel mit Recycling-Materialien zusammengestellt hat – Williams spielt begeistert damit: Alles wird erst raus- und dann wieder reingepackt.
„Hermanas (Schwestern), ihr müsst noch essen. Ich hab Kartoffeln vom Dorf runtergebracht. Und Tee habe ich auch gekocht.“ casayohana ist für die Leute zur Familie geworden; das merken wir jedes Mal, wenn sie das Wenige, das sie haben, mit uns teilen.
Was mich besonders freut: Die Wohnsituation hat sich beruhigt und Mary muss nicht mehr Angst haben, dass sie das kleine Häuschen verlassen muss. Am Ende danken wir Gott dafür und stellen sie unter seinen Segen.
In casayohana sind wir dankbar, dass wir die Familien oft viele Jahre begleiten können. In der Anden-Kultur in Peru braucht es Zeit, bis Vertrauen entsteht. Und wir merken immer wieder: Auch wenn wir oft weit fahren müssen zu den Hausbesuchen – sie tragen dazu bei, dass die Beziehung wachsen kann.
