An den Grenzen der Belastbarkeit
Ende August 2025 habe ich meinen Dienst in der Augenklinik des Hospitals Diospi Suyana beendet. Seither arbeite ich in der jungen Gemeinde Morada de Dios in Curahuasi/Peru und helfe beim Aufbau der Gemeinde mit.
Neben Jüngerschaftsgruppen, Bibelstudien, Frauenstunden, Religionsunterricht, Kindergottesdienst, Straßenevangelisation und Gebetsgottesdiensten organisiere ich oder helfe auch bei medizinisch-evangelistischen Einsätzen. Einen solchen Einsatz führten wir Ende Januar in unserer „Kirche“, einer umgebauten Garage, durch.
Da verschiedene Gemeindeglieder im Gesundheitswesen arbeiten, konnten wir einen kostenlosen Gesundheits-Check in den Bereichen Allgemeinmedizin, Zahnheilkunde und Augenheilkunde anbieten. An jenem Samstag nahmen fast 100 Menschen dieses Angebot wahr. Nach der Behandlung boten wir ihnen Gebet oder Seelsorge durch Gemeindeglieder an. Schließlich war die Warteschlange für das Gebets-Team fast genauso lang wie für die medizinische Behandlung. Fünf Personen entschieden sich an jenem Tag für ein Leben mit Jesus. Andere baten um einen Besuch. Von einem dieser Besuche möchte ich erzählen:
Als die Frau mittleren Alters uns das Tor zu ihrem Anwesen öffnet, springen uns ihre vier- und achtjährigen Söhne entgegen und zeigen uns ihr Spielzeug. Anita (Name geändert) bittet uns, im Innenhof auf zwei Hockern Platz zu nehmen. Wir befinden uns vor einem Rohbau. Büsche und Bananenstauden im Hof sind erstaunlich groß für einen Neubau.
Nachdem wir uns etwas kennengelernt haben, fasst sie Vertrauen und erzählt uns unter Tränen folgende Geschichte: Als ihr jüngerer Sohn gerade ein halbes Jahr alt war, wurde sie eines Nachmittags von der Polizei angerufen und aufgefordert, in eine andere Stadt zu kommen, wo sich ihr Mann befand. Als sie eintraf, erfuhr sie, dass ihr Mann wegen eines Deliktes festgenommen worden war.
Für Anita brach eine Welt zusammen. Ihr Mann wurde zu neun Jahren Haft verurteilt. Anita war mit ihren Kindern und dem noch nicht fertiggestellten Haus alleine. Sie musste arbeiten gehen, damit sie und ihre Kinder überleben konnten. Ihre Söhne lässt sie nach der Schule vor dem Fernseher, ihren Mann kann sie nur gelegentlich besuchen, und die Trennung stellt die Ehe auf eine harte Probe.
Anita fühlte sich so einsam und überfordert, dass sie immer wieder daran dachte, ihr Leben zu beenden. In dieser Situation wandte sie sich an Gott und stellte ihr Leben in seine Hände. Der Glaube an Gott bewahrte sie davor, sich das Leben zu nehmen; dennoch blieb sie allein, aus Scham vor den Kommentaren anderer.
Nun sind dreieinhalb Jahre der Haft vergangen, fünfeinhalb lange Jahre verbleiben noch. Wir haben sie ermutigt, in ihrem Leben mit Jesus weiterzugehen und sich einer Gemeinde anzuschließen. Gerne werden wir ihr Hilfe anbieten, sei es finanziell oder praktisch. Aber vor allem kann sie Ermutigung durch die Gemeinschaft mit anderen Gläubigen und durch das Wort Gottes bekommen.
Wir wollen uns wöchentlich mit Anita zum Bibelstudium treffen und auch ihre Kinder in die Gemeinde einbinden, zum Beispiel in der Hausaufgabenhilfe und in der Sonntagschule. So hoffen wir, dass Anita wieder neuen Lebensmut schöpft und Kraft bekommt, ihren Alltag zu bewältigen. Bitte betet für sie, ihre Kinder und ihren Mann!
